Es gibt Lebensläufe, die sich nicht glätten lassen. Dieser gehört dazu. Ein Mann aus gelehrtem Haus, der sein bestes Wissen von Leuten bezog, die nie eine Hochschule von innen gesehen hatten. Ein Arzt, der auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn die anerkannten Lehrbücher seines Fachs verbrannte und wenige Monate darauf aus der Stadt floh. Ein Verfasser, von dem zu Lebzeiten kaum etwas gedruckt wurde und dessen Name die Jahrhunderte danach überstanden hat.
Ein Name, selbst gewählt
Der Mann, den man heute als Paracelsus sucht, wurde auf Theophrastus von Hohenheim getauft, in voller Länge auf Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim. Im sechzehnten Jahrhundert war der eigene Name für einen Gelehrten kein fester Besitz. Man latinisierte ihn, man tauschte ihn, man wählte einen neuen, und diese Wahl war eine Ankündigung. Schon der Vorname kam nicht von ungefähr, denn er verweist auf Theophrast von Eresos, den Schüler des Aristoteles, und der Vater, selbst ein studierter Mann, wusste, was er da vergab. Paracelsus dagegen hat sich der Sohn selbst gegeben. Es ist der Name eines Mannes, der einen Anspruch anmeldet, bevor er ihn eingelöst hat.
Die Öfen von Tirol
Der Vater, Wilhelm Bombast von Hohenheim, war Arzt mit Lizenz und stammte aus schwäbischem Kleinadel. Sein Sohn kam bei Einsiedeln zur Welt, Ende 1493 oder Anfang 1494. Genauer lässt es sich nicht sagen, die Quellen widersprechen einander, und die Fachliteratur führt seither beide Jahre.
Um 1502 zog der Vater nach Villach in Kärnten und praktizierte dort. Den ersten Unterricht gab er selbst, dazu kamen Geistliche, unter ihnen Bischof Eberhard Paumgartner und der Freisinger Weihbischof Matthias Schacht. Die zweite Schule stand in Tirol. In Schwaz unterhielt Sigmund Fugger Laboratorien, und dort hat der junge Hohenheim längere Zeit gearbeitet. Was aus dem Berg kam, wurde geröstet, geschmolzen und geschieden, bis die Metalle einzeln vorlagen. Er lernte die Öfen, die Handgriffe und die Männer kennen, die damit umgingen. Was denen widerfuhr, die täglich mit Quecksilber hantierten, hat er dort gesehen und später aufgeschrieben.
Die Wanderjahre
Es folgte Italien. In Ferrara soll er um 1515 den Doktor der Medizin erworben haben, doch die Universitätsakten sind lückenhaft, und gesichert ist der Grad nicht. Sicher ist, dass er danach an die fünfzehn Jahre ohne festen Ort lebte. Er durchzog Frankreich, Spanien, die Niederlande, England, Ungarn und die deutschen Länder. Für 1519 ist er in Kopenhagen nachgewiesen. Dass er bis Moskau und Konstantinopel gelangt sei, wird berichtet, ohne dass es sich belegen liesse. Gelernt hat er unterwegs weiter, bei denen, die mit den Händen arbeiteten. Wer so lange unterwegs ist, besitzt sein Wissen und sonst wenig. 1526 liess er sich in Strassburg nieder. Ein Jahr später bekam er alles auf einmal.
Der Bruch in Basel
In Basel druckte Johannes Frobenius die Bücher, die in ganz Europa gelesen wurden, und sein Haus war die erste Adresse der Stadt für Gelehrte. Frobenius litt an einem Leiden des Beins. Er liess Hohenheim rufen, und die Behandlung gelang in kurzer Zeit. So berichten es die Quellen des sechzehnten Jahrhunderts.
Zum Kreis des Druckers gehörte Erasmus von Rotterdam, der meistgelesene Gelehrte des Kontinents. Er schrieb dem Zugereisten »Möge das Geschick Dich hier in Basel festhalten.«
Es hielt ihn zunächst. 1527 wurde Hohenheim Stadtarzt von Basel, also der vom Rat besoldete Arzt der ganzen Stadt, und erhielt dazu die Erlaubnis, an der Universität zu lesen.
Er las auf Deutsch. Latein war die Sprache aller Hochschulen und regelte, wer eintreten durfte und wer nicht. Die Rezepte eines Hauses stehen in einer Schrift, die allein der Küchenchef lesen kann. Er kocht dadurch nicht besser, aber er bleibt der Einzige, den man fragen kann. Wer diese Rezepte an die Wand hängt, in der Sprache aller, die im Raum stehen, nimmt niemandem sein Können und jedem seinen Vorrang.
Wer auf Deutsch las, sprach zu Baderchirurgen, Handwerkern und Alchemisten, also zu genau denen, die man bisher hatte draussen stehen lassen. Weiter trägt das Bild nicht, denn ein Küchenchef behält seinen Posten, ein Gelehrter des Jahres 1527 nicht. Zeitgenossen nannten ihn den »Luther der Medizin«, und das war nicht als Auszeichnung gemeint.
Am 24. Juni 1527, in der Johannisnacht, brannten in der ganzen Stadt die Feuer. In eines davon warf er die Bücher, nach denen damals jede Prüfung abgenommen wurde, die Werke des Galenos und den Kanon des Avicenna. Sie waren nicht Lehrwerke unter vielen, sie waren das Mass.
An den Rathäusern hing die eiserne Elle, an der jeder Tuchhändler seine Ware prüfte. Wer die Elle einschmilzt, sagt nicht, dass er anderer Meinung sei. Er sagt, dass von morgen an neu gemessen wird.
Danach ging es rasch. Kirche, Adel und Universität stellten sich gegen ihn. Wenige Monate nach der geglückten Behandlung starb Frobenius, und mit ihm verlor Hohenheim seinen Rückhalt. Ein Streit um ein Honorar kam vor Gericht, er beschimpfte dort seine Gegner, und Anfang Februar 1528 verliess er die Stadt, um der Verbannung zuvorzukommen. Geblieben war er keine zwölf Monate. Amt, Fürsprecher und Stadt waren dahin, ein Grundsatz blieb.
»Nicht meinen, sondern wissen.«
Sterne und Gift
1530 schrieb er das Paragranum, seine Schrift über die Grundlagen der Heilkunst. Ein Einzelfach war sie für ihn nicht. Sie ruhte auf vier Säulen, auf Philosophie, Astronomie, Alchemie und Tugend. Die Alchemie ist eine dieser vier. Damit steht die Destillation, die er aus der Werkstatt in die Heilkunst holte gleichberechtigt neben der Philosophie. Ein Jahr darauf folgte das Opus Paramirum, sein Buch über die drei ersten Substanzen. Von den vier Säulen hat nicht jede die Jahrhunderte überstanden. Die Astronomie in seinem Sinn steht in keinem Lehrbuch der Heilkunde mehr, die Bereitung der Arznei im Ofen in jedem.
Eine Randnotiz war ihm die Astronomie deshalb nicht. Seine Zeit dachte Himmel und Mensch als ein einziges Gefüge. Die Sterne waren ihm, was dem Bauern der Kalender ist, ein Raster, in das er seine Arbeit legte. Was er Magie nannte, war für ihn kein Gegenteil des Wissens, sondern eine Weise, die Natur zu befragen. Vorgeworfen wurde sie ihm trotzdem.
Seine Arzneien bereitete er im Ofen, statt sie im Mörser zu mischen. Genau dort setzten die Ankläger an. Sie warfen ihm vor, er gebe seinen Kranken Metalle und Mineralien ein, Stoffe also, die als Gift galten. 1538 antwortete er mit den Septem Defensiones, sieben Verteidigungsschriften gegen seine Gegner. In der dritten verteidigt er die Arznei aus Metall und Mineral, und er beginnt mit einer Frage. »Wenn ihr jedes Gift wollt recht auslegen, was ist, das nit Gift ist?« Die Antwort steht im selben Zug. »Alle Ding sind Gift und nichts ohn Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.« Die Toxikologie, die Lehre von den Giften, führt sich bis heute auf diese Stelle zurück und nennt ihn ihren Vater.
Ruhm nach dem Tod
Nach der Flucht begann das Wanderleben von neuem. Colmar 1528, Nürnberg 1529, St. Gallen 1531, danach wechselnde Orte im Alpenraum. In diesen Jahren setzte sich der Name durch, den er sich selbst gegeben hatte.
Gedruckt wurde davon fast nichts. Ein Druck kostete so viel, dass ihn ein Verleger oder ein Gönner tragen musste, und beide überlegten genau, wessen Namen sie auf ein Titelblatt setzten. 1536 erschien in Ulm »Die grosse Wundarznei«, sein einziger grosser Erfolg im Buchhandel und eines der wenigen Werke, die er selbst gedruckt sah. Der weitaus grösste Teil blieb liegen.
Weitergereicht wurde er trotzdem, von Hand. Ein Rezept, das nie in einem Kochbuch stand, liegt dennoch in dreissig Küchen, weil jede Köchin es abgeschrieben hat. Wer gedruckt wird, kommt in die Bibliotheken. Wer abgeschrieben wird, kommt in die Werkstätten. Eine Abschrift ist allerdings keine Kopie. Es kommt etwas dazu, und es fällt etwas weg. Deshalb tragen bis heute Schriften seinen Namen, die nicht von ihm stammen, und deshalb ist auch der Handgriff, den die Überlieferung ihm zuschreibt, eher ein Erbe als eine Urkunde.
1541 war Paracelsus in Salzburg. Am 21. September diktierte er im Gasthof »Zum Weissen Ross« an der Kaigasse sein Testament, drei Tage später starb er. Bestattet wurde er nach seinem letzten Willen auf dem Friedhof des Bruderhauses St. Sebastian, damals noch vor der Stadt. Den Grabstein stiftete sein Freund Michael Setznagel, ein Salzburger Beamter. Zweihundert Jahre danach liess der Erzbischof ein Grabmal in der Vorhalle der Kirche errichten, und dort ruhen die Gebeine bis heute in einer Hohlkammer.
Die Urteile über ihn gehen damals wie heute auseinander. Die einen führen ihn als Begründer, die anderen als Grosssprecher, und sein zweiter Name Bombastus ist daran nicht ganz unschuldig. Das Grab lässt sich besuchen.
Quellen. Neue Deutsche Biographie, Universität Basel, Stadt Salzburg. Stand August 2026.