Der Weg zur Materie Prima nach Paracelsus:
Er führte 9 Phasenwechsel des Wassers durch:
Die ersten 3 Durchgänge zur Reinigung »des Körpers« des Wassers.
Die zweiten 3 Durchgänge zur Reinigung »des Geistes« des Wassers
Die dritten 3 Durchgänge zur Reinigung »der Seele« des Wassers
»Der Prozess ist so bedeutend wie das Werk«
Jeder Durchgang verlange höchste Konzentration, Achtsamkeit und Hingabe des Destillateurs.
Ohne diese Wahrhaftigkeit scheitert das Werk.
Zu vermögen, die Materia Prima selbst herzustellen, ist ein Privileg.
Die Spreu vom Weizen trennt der Prozess durch sich selbst.
Was erste Materie meint
Materia Prima bezeichnet die Alchemie als »den Urzustand eines Stoffes«, die Dimension ders Elements noch bevor seine Reise begann.
Der absolute, purste Ursprung des Wassers.
Wasser berührt Gestein, Luft, Leitungen, Hände, Kunststoffe, Reinigungsstoffe in Gläsern.
Jede dieser Berührungen bewirtkt eine Spur im Element Wasser. Was Wasser enthält, ist ein Bericht darüber, wo es gewesen und was es erlebt hat.
Die erste Materie ist beim Wasser der Punkt, an dem es nur noch von sich selbst erzählt.
Ein Blatt Papier, von dem jede Schrift entfernt wurde, ist wieder Papier. Es ist nicht neu, es ist nicht anders, es ist nur von allem befreit, was jemand darauf geschrieben hat. Was auf der Seite zur neunfachen Destillation als Grenze erscheint, der Rest, der sich nie ganz entfernen lässt, ist von hier aus gesehen kein Mangel. Er ist das Papier.
Körper, Geist und Seele des Wassers
Die Alchemie ordnete jeden Stoff in drei Prinzipien, das Feste, das Flüchtige und das Verbindende. Auf das Wasser im Kolben übertragen ergibt das eine Lesart, die sich am Gerät nachvollziehen lässt. Es ist eine Lesart, kein Zitat, und sie handelt allein vom Wasser.
Der Körper des Wassers ist das, was im Kolben zurückbleibt, wenn der Dampf gegangen ist. Salze, Kalk, alles, was sich wiegen liesse. Der Geist des Wassers ist das, was mit dem Dampf aufsteigt, weil es früher verdampft als das Wasser selbst, und das darum im ersten Durchgang mit in die Vorlage läuft, das Auffanggefäss. Die Seele des Wassers ist der Rückweg. Sie ist das, was das Wasser nach der Destillation wieder annimmt, aus dem Gefäss, aus der Luft, aus der Zeit, die es offen stand.
Wer ein Zimmer räumt, trägt zuerst die Möbel hinaus. Dann öffnet er die Fenster, und die Luft wechselt. Der Geruch in den Wänden aber geht nicht beim ersten Lüften. Er geht, wenn man wiederkommt, und wiederkommt, und wiederkommt. Drei Durchgänge für jedes der drei Prinzipien, so liest sich die Neun von dieser Seite her. Sie ist eine überlieferte Zahl, keine errechnete. Die Messung allein würde sie nicht fordern.
Warum die Hand entscheidet
Wasser, das wenig enthält, nimmt an, was in seiner Nähe steht. Einen Hauch aus der Luft, den Film am Glas, die Wärme der Hand, die das Gefäss hält. Das ist keine Schwäche, es ist die Kehrseite seiner Reinheit. Je weniger im Wasser ist, desto mehr hängt davon ab, was um das Wasser herum ist. Und um das Wasser herum ist, am Ende aller Apparatur, ein Mensch.
Im ersten Durchgang verzeiht das Wasser fast alles. Ein Gefäss, das nicht ganz trocken war, ein Deckel, der einen Augenblick offen lag, eine Hand, die zu früh griff. Das alles verschwindet neben dem, was ohnehin noch darin ist. Im neunten Durchgang verschwindet nichts mehr. Was die Hand jetzt einträgt, ist das Einzige, was eingetragen wird, und es bleibt.
Frisch gefallener Schnee zeigt jeden Schritt. Derselbe Schritt auf einem begangenen Weg fällt niemandem auf. Der Schritt hat sich nicht verändert, der Untergrund hat sich verändert. Konzentration, Achtsamkeit und Hingabe gehören darum zur Apparatur, als der Teil, der nicht aus Glas ist.
Die Spreu trennt sich selbst
Niemand muss die Achtsamkeit des Destillateurs verlangen. Sie wird geprüft, und zwar vom Wasser. Das Wasser sagt am Ende selbst, was geschehen ist, über seine Leitfähigkeit, also darüber, wie viel Strom es noch trägt. Das Ziel liegt bei 0,055 Mikrosiemens je Zentimeter, und jede Unachtsamkeit hebt diesen Wert an.
Wer unachtsam destilliert, erhält kein schlechteres Ergebnis. Er fällt zurück an den Anfang. Das Wasser im Glas ist dann von dem nach dem ersten Durchgang nicht mehr zu unterscheiden, sauber, brauchbar, und doch nicht das, worum es ging. Die Arbeit von acht Durchgängen ist in einem Augenblick zurückgenommen, ohne dass jemand es gesehen hätte, ausser dem Wasser.
Ein Sauerteig verlangt dasselbe. Er wird genährt, Tag für Tag, und wer ihn einmal vergisst, hat keinen Teig, der etwas weniger gut geworden wäre. Er hat keinen Teig. So trennt sich die Spreu vom Weizen, ohne dass ein Richter nötig wäre. Das Verfahren selbst lässt nur den bestehen, der es zu Ende trägt.
Der Prozess ist das Werk
Am Ende steht ein Glas Wasser. Es sieht aus wie jedes andere. Es unterscheidet sich durch nichts, was darin ist, sondern allein durch das, was herausgelassen wurde, und durch die Aufmerksamkeit, die jeden der neun Durchgänge begleitet hat.
Eine Geige ist Holz, Leim und Saiten, und sie ist doch die Summe aller Stunden, die in sie eingegangen sind, hörbar in jedem Ton. So trägt die Materia Prima den Weg, der zu ihr geführt hat, unsichtbar im Glas.
Was im Glas steht, ist Wasser. Was es dazu gemacht hat, steht nicht im Glas.